Dr. Frederik Holst
Dr. Frederik Holst
"The ethnic Muslim": Ethnisierung religiöser Identitäten in Malaysia

Dr. Frederik Holst Seminar für Südostasien-Studien Invalidenstr. 118, Raum 102 Tel: +49 (30) 2093-66030 Fax: +49 (30) 2093-202166030 E-Mail: frederik.holst@staff.hu-berlin.de

"The ethnic Muslim": Ethnisierung religiöser Identitäten in Malaysia

Ethnisierungsprozesse, nach Eder et al. (2002: 17) solche Prozesse, durch welche wirtschaftliche oder politische Missstände die Basis von politischen, auf kollektive Identitäten bezogene Forderungen werden (Ü.d.A.), sind kennzeichnend für das gesellschaftliche und politische System Malaysias: Ethnisch definierte Parteien haben hier lange Zeit die Richtlinien der Politik bestimmt und tun dies auch heute noch. Die Konstruktion und Aufrechterhaltung ethnisierter Gruppen wird dabei von verschiedenen Akteuren und aus verschiedenen Richtungen vorangetrieben, jedoch sind diese insbesondere für den Erfolg der sich primär ethnisch definierenden politischen Eliten notwendig.

Bis in die 1980er Jahre hinein waren es Kategorien wie "Malaien", "Chinesen", "Inder" oder "Andere", die strukturprägend waren und den Grad gesellschaftlicher, insbesondere politischer und wirtschaftlicher Teilhabe bestimmten; Parteien, die sich als Repräsentanten der jeweiligen ethnischen Interessen anboten, bestimmen seit der Unabhängigkeit die Regierungspolitik, was dazu führte, dass ein Großteil der politischen Auseinandersetzung als Konfrontationen unterschiedlicher, aber jeweils homogen gedachter Interessen der ethnisierten Gruppen geführt wurde. Dabei spielte der gesetzte Gegensatz zwischen ethnisierten Malaien deren Interessen auf der einen Seite und der übrigen Bevölkerung auf der anderen Seite die größte Rolle (vgl. Weiss 2006).

In den letzten Jahren, insbesondere seit 1998, ist jedoch eine Verlagerung im Kontext dieser Identisierungsprozesse zu beobachten:Mit einer zumehmenden politischen Diversifizierung der ethnisierten Bevölkerungsgruppen geriet auch die Stabilität der ethnisch-basierten Parteien ins Wanken. Die Wahlen von 1998 und 2008 haben gezeigt, dass die stratifizerten Bevölkerungsgruppen nicht als "sichere Bank" betrachtet werden können, die die eigene ethnisierte Gruppe als wichtigsten politischen Bezugspunkt sehen, sondern aus einem breiteren Spektrum an gesellschaftspolitischen Forderungen schöpfen, was zu neuen Bündnissen über die ethnisierten Grenzen hinweg geführt hat (vgl. Wong 2008).

Gleichzeitig mit dieser Bedrohung des etablierten politischen Systems wurden in den letzten Jahren vermehrt Tendenzen erkennbar, die dazu führten, dass die Dichotomie "Malay" vs. "Non-Malay" auf die Ebene "Muslim" vs. "Non-Muslim" ausgedehnt, bzw. verlagert wurde: "Muslim" wird immer häufiger mit "Malay" gleichgesetzt und umgekehrt.

Für das etablierte (semi-)autoritäre System wäre dies von großem Nutzen, da die bestehenden - auch ideologischen - Strukturen größtenteils in Takt bleiben können, wenn die Identitätskategorie "Muslim" ähnlich homogen und statisch konstruiert wird, wie zuvor die des "Malay". Dies wäre für die entsprechenden politischen Akteure überlebenswichtig, da es nach den Wahlen 2008 in Ansätzen schon zu ersten Desintegrationsprozessen innerhalb der ethnisch-basierten Parteien kam.

Mit dem multi-disziplinären Ansatz der Regionalwissenschaften soll diese Entwicklung unter mehreren Gesichtspunkten analysiert werden. Im Vordergrund stehen dabei Fragen nach der Genese, den Akteuren und der diskursiven Entwicklung dieser neuen Stoßrichtung innerhalb der Ethnisierungs- und Identitsierungsprozesse in Malaysia. Insbesondere die Verschränkungen und Rückbezüge zwischen ethnisch und religiös definierten Identitätszuschreibungen, die von mehreren Seiten (Parteien, staatlich-religiöse Institutionen aber auch zivilgesellschaftlichen Gruppen) vorangetrieben werden, stehen hierbei im Fokus. Dabei wird in Anknüpfung an vorangegangene Forschung (Holst 2012) nicht von einer top-down Wirkung dieser Prozesse ausgegangen, sondern diese auf verschiedenen Ebenen - den Manifestationen, den Implementationen und den Auswirkungen von Ethnisierung religiöser Identitäten - untersucht.

 

Zitierte Referenzen:

Eder, Klaus, et al. (2002): "Collective Identities in Action - A Sociological Approach", Ashgate, Aldershot.

Holst, Frederik (2012): "Ethnicization and Identity Construction in Malaysia", Routledge, London.

Weiss, Meredith L. (2006): "Protest and possibilities - Civil society and coalitions for political change in Malaysia", Stanford University Press, Stanford.

Wong, Chin Huat (2008): "Malaysia's Electoral Upheaval", Journal of Democracy 20(3): 71-85.